Wirtschaftlichkeitsprüfung im Kreuzfeuer der Kritik

| 21. April 2016

SCHWÄBISCH HALL – Mit Wirkung vom 1. Januar 2017 ist der Arzneimittelregress abgeschafft… Die Verblüffung bei seinen Zuhörern ließ Dr. Michael Viapiano einen Moment wirken. Erst nach einer Atempause löste der Leiter des Ressorts Verordnungsmanagement der KV Baden-Württemberg dann das Rätsel.

An die Stelle des Regresses treten laut Gesetz in Zukunft „Nachforderungen“ wegen unwirtschaftlicher Verordnungsweise. Und dennoch könne es spätestens dann im Zuge des Abschlusses neuer Prüfvereinbarungen zwischen den regionalen KVen und Kassenverbänden eine neue Prüfsystematik geben, stellte der Arzneimittelexperte in Aussicht. Weist der Scherz die Richtung, wohin es mit den Prüfverfahren ab 2017 in Baden-Württemberg gehen wird?

Auf der 4. Praxistagung gab es aus dem Auditorium heraus zum bisherigen Verfahren massive Kritik. Warum man sich nicht am Nachbarland Rheinland-Pfalz orientiere, wollte der Vorstandsvorsitzende des Psoriasispraxisnetzes Süd-West Dr. Dirk Maaßen wissen. Dort würden die teuren Biologika zum Beispiel vorweg aus der Gesamtrechnung abgezogen und eine Überprüfung auf sonstigen Schaden nur dann eröffnet, wenn die Verordnung nicht indikationsgerecht erfolgt sei. Die Prüfstelle Baden-Württemberg stelle die ärztlichen Kollegen hingegen unter einen „Generalverdacht“. Der baden-württembergische BVDD-Landesvorssitzende Dr. Bernd Salzer monierte, dass Arztpraxen mit dem Anspruch, die Psoriasisbehandlung zu verbessern, geradezu zwangsläufig auffällig werden, solange die überwiegende Zahl der Kolleginnen und Kollegen weiter wie bisher – und gegen die geltende S3-Leitlinie – keine modernen systemischen Therapien verordnen. Der stellvertretende hessische BVDD-Landesvorsitzende und Gründer des dortigen Psoriasisnetzes Dr. Siegfried Möller wandte ein, in einer solchen Systematik lasse sich die verstärkte Inanspruchnahme durch Patienten mit einem besonders hohen Versorgungsaufwand überhaupt nicht angemessen darstellen.

Eine direkte Antwort gab es auf all diese Fragen nicht. Wie Viapiano erläuterte, drängt die KV Baden-Württemberg auf eine „rationale Pharmakotherapie spezifischer Krankheitsbilder“. In bereits laufenden Vorgesprächen mit den Krankenkassen und den Prüfgremien zu einer Neuregelung strebe sie an, die Wirtschaftlichkeitsprüfung der ärztlichen Verordnung an wissenschaftlich gesicherte Behandlungspfade zu koppeln. Die Einhaltung eines solchen Therapieleitfadens impliziere, dieser Sachlogik folgend, dann die Wirtschaftlichkeit.

Nur: Bislang liegen lediglich für Osteoporose, Schmerztherapie und Demenz derartige wissenschaftlich gesicherte Orientierungshilfen vor. Und selbst ein solcher Behandlungspfad könne nur generelle Empfehlungen darstellen. Letztlich soll es nach den Vorstellungen der KV aber auch in Zukunft dabei bleiben, dass der Arzt die Therapie unter Berücksichtigung der individuellen Erfordernisse des Patienten im konkreten Einzelfall festlegt, unterstrich Viapiano.

Category: PsoNet Deutschland

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