„Die Richtgrößenprüfungen sind zurück“

| 21. April 2016

HILDESHEIM/HANNOVER – In Niedersachsen gibt es nach wie vor erhebliche Probleme mit der Wirtschaftlichkeitsprüfung in der Verordnung von Biologika. Zuletzt sahen sich vier Hautarztpraxen, die dem Psoriasis-Netz Südniedersachsen angehören, dem Vorwurf der Unwirtschaftlichkeit für ihre Biologika-Verordnungen aus dem Jahr 2013 ausgesetzt. Nachdem die Praxen dokumentieren konnten, dass die jeweilige Verordnung notwendig gewesen war, hatte der Wirtschaftlichkeitsprüfungsausschuss diese in allen Fällen zunächst anerkannt. Damit war die Regressbedrohung jedoch nur kurze Zeit vom Tisch. „Denn der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen in Niedersachsen legte Widerspruch ein, wodurch das Verfahren derzeit wieder offen ist und weiter große Unsicherheit unter den Kolleginnen und Kollegen herrscht“, berichtet PD Dr. Holger Petering, Vorstandsvorsitzender des Psoriasis-Netzes Südniedersachsen.

Zum Gespräch über die schwierige Situation für Hautarztpraxen, die auf moderne Therapien setzen, lud Petering den stellvertretenden Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Dr. Jörg Berling, Ende vergangenen Jahres zu einem Treffen des Psoriasis-Netzes nach Hildesheim ein und legte ihm die Problematik dar. Dabei monierte er unter anderem, dass die Prüfverfahren auf Durchschnittswerten beruhen, die Fachgruppe tatsächlich aber sehr heterogen ist. „Nur ein geringer Anteil der Dermatologen in Niedersachsen verordnet überhaupt Biologika“, erläuterte der Hildesheimer Hautarzt. Die Folge: Praxen, die sich an die S3-Leitlinie Psoriasis halten und nicht nur in Ausnahmefällen ein Biologikum verordnen, werden zwangsläufig sehr schnell auffällig.

Hinzu kommt, dass die durchschnittliche Anzahl der Patienten nicht pro Arzt, sondern pro Praxis ermittelt wird, sodass kleine Praxen mit wenigen Patienten häufig keine Praxisbesonderheit geltend machen können. Zudem können bislang nur TNF-alpha-Inhibitoren als Praxisbesonderheit rausgerechnet werden. „Das ist nicht mehr zeitgemäß“, betonte Petering mit Blick auf neuere Wirkstoffe wie Ustekinumab und Secukinumab, die dadurch nicht berücksichtigt werden. KV-Vize Berling zeigte vor allem auf, was die KV an Hilfestellung bieten kann. Dazu zählten Informationen über die Durchführung des Regressverfahrens, aber insbesondere auch eine Analyse der Verordnungsdaten, aus denen die Regressforderungen abgeleitet werden. Petering hielt darüber hinaus die Kollegen dazu an, ihre Patienten, die ein Biologikum oder ein Systemtherapeutikum bekommen, an PsoBest zu melden. „Dies erfordert eine Dokumentationstiefe und -regelmäßigkeit, die in einem Prüfverfahren sehr hilfreich ist und bereits eine sehr übersichtliche Argumentationsstruktur im Hinblick auf eine wirtschaftliche Verordnungsweise liefert“, unterstrich der Hildesheimer Dermatologe.

Zwischen 2007 und 2012 war die Lage in Niedersachsen noch deutlich entspannter. In diesem Zeitraum gab es weder Richtgrößenprüfungen noch Regresse, denn KV und Krankenkassen hatten zur Steuerung der Arzneimittelausgaben sogenannte Ablösevereinbarungen abgeschlossen. Dabei wurde mit den Kassen „gewettet“, dass ein bestimmtes vereinbartes Ausgabenvolumen eingehalten wird. Kam es zu einer Überschreitung übernahm die KV eine Strafzahlung, die Ärzte selbst blieben unbehelligt. Um eine wirtschaftliche Verordnung zu gewährleisten, gab es Leitsubstanzquoten. Allerdings sahen die Ärzte zunehmend ihre Therapiefreiheit eingeschränkt, da die Kassen stetig die Quoten erhöhten. Schließlich ist man 2012 zur Richtgrößenprüfung zurückgekehrt.

Hoffnung auf eine Besserung der Situation machen die zurzeit laufenden Gespräche, um die Vorgaben des Versorgungsstärkungsgesetzes umzusetzen: Demnach müssen sich Krankenkassen und KVen bis zum 31. Juli 2016 auf neue Regeln für Wirtschaftlichkeitsprüfungen in den Regionen verständigen. Aus Niedersachsen ist zu hören, dass die Verhandlungen bisher im für die Dermatologen positiven Sinne verlaufen.

Unterschriebene Verträge liegen allerdings noch nicht vor. Die vier im Psoriasis-Netz Südniedersachsen organisierten Hautarztpraxen, bei denen das Prüfverfahren für 2013 immer noch offen ist, haben sich inzwischen gemeinsam einen Anwalt genommen, um abgestimmt zu agieren.

Category: Regionale Netze, Südniedersachsen

Comments are closed.

Share This